12
Mrz
2009

Der öffentliche Dienst...

"Der öffentliche Dienst ist in seiner Stabilität ein wichtiger Standort für den Wirtschaftsfaktor."

2. NR-Präsident Fritz Neugebauer, GÖD-Chef, VP-Bildungssprecher i.R., im Standard-RAU-Interview über seine Vorstellung von Bildungspolitik

13
Feb
2009

MV 13.2.: Klangamalgame

Der Musikverein programmiert ein kleines Schoenberg-Bruckner-Fest, dessen ersten Teil das Philadelphia Orchestra unter Christoph Eschenbach mit der Kammersymphonie und Bruckners sechster bestritt -- eine Kombination, die nicht gerade die zwingende Stringenz jener des samstäglich folgenden philharmonischen Abonnementkonzertes hat, aber auch nicht prinzipiell abwegig erscheint.

Schoenberg expressionistisch, weniger expressiv

Dass Schoenbergs opus 1 einst zum Skandal gereichte, ist heute schwer nachvollziehbar, so spontan zugänglich ist der expressive Ausdruck des frühen Schoenberg. Dass es bei Eschenbach -- trotz der gewählten Kammerensemble-Urfassung -- eher zur expressionistischen Klangwolke denn zum expressiven Atonalitätsbekenntnis geriet, hat dem Werk einiges an Schärfe und Spannung genommen. Wirkten die elegischen Passagen durchaus stimmig, wünschte man sich für die um elegante Quart-Schichtungen gebauten Themen-Bearbeitungen einen etwas analytischeren Zugang.

Bruckner, eher zerklüftet

Wenn Bruckner seine 6. Symphonie seine "keckste" nennt, kann man nur mutmaßen, was er damit meint. Ein heißer Tip ist die thematische Leichtigkeit bei metrischer Rasanz, die die sechste von der hochintellektuellen Vorgängerin und der tiefromantischen Siebenten abhebt. Jedenfalls bietet dieses selten aufgeführte Werk vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten -- in lebhafter Erinnerung der extatische Parforce-Trip, den Simone Young vor einigen Jahren im Konzerthaus veranstaltete.

Christoph Eschenbach dirigiert heute ohne Partitur ziemlich zielsicher an einem derartigen Ereignis vorbei, nimmt sich in Bezug auf Dynamik und Tempogestaltung recht ausgedehnte Freiheiten. An die strukturelle Stringenz, die die großen Bruckner-Dirigenten bei aller Exzentrizität ihrer Gestaltungen erreichten, kommt Eschenbach leider keineswegs heran -- pathetisch wirkt dann sein bedächtiger Einstieg in die Schlusssteigerung des 1. Satzes, willkürlich die Tempowahl im Scherzo, stilistisch zerklüftet das Gesamtbild. Gemeinsam mit dem schwammigen Klangbild der ungenau koordinierten Streicher bleibt ein mäßiger Eindruck, den vor allem gegen Schluss die Damen und Herren im Blech etwas aufhellen können. Das ballsaisonbedingt lichte Publikum dankte freundlich.

4
Jun
2008

Vieno: 3 semajnoj en akcidenta stato

fuszball-symbol[eo]

Inter la 7a k la 29a junio Vieno troviĝas en stato de akcidento. Invadas ĝin barbaruloj el la tuta mondo. Deko da grupoj de balonoludantoj. Deko da milo da adorantoj iliaj. Centoj da hektolitroj da biero estas provizitaj por ilin nutri. Televidteamoj internaciaj filmas la invadon.

La vienanoj reagas kvazaŭ lakeoj al la amaso kaj dece adaptiĝas al la supozita kultura nivelo de la amaso invadanta.
La ringstraton ili fermas por ke la amaso povu senstreĉe amasumi.
La somerfilmfestivalon ("Kino unter Sternen") ili nuligas, kvankam ĝi okazus nur poste. La buĝetoj jam estos elspecita tiam.
La Burgtheater-n (kiun ili kutime frenezfierte opinias "la plej bonan germanlingvan teatron") ili fermas dum unu monato. La amaso amuziĝos antaŭ ĝiaj pordoj, la eliteca amaso amuziĝos en la teatro transformita en sportotemplo kun ekranego anstataŭ scenejo.


La plimulto de la vienanoj eĉ elektas la plej efikan strategion. Ili ne kontraŭagas nek kontraŭsentas la amason. Ili fariĝas parto de ĝi.

15
Jan
2008

ABC hilft

[de]
ORF 2, "LebensArt" (Kulturmagazin), Mo. 14.1. Der Germanist Prof. Wendelin Schmidt-Dengler, kürzlich zum "Wissenschafter des Jahres" gewählt, ist Studiogast.

Martin Traxl: Sie müssen ja unglaublich viel lesen, wie machen Sie das nur?
Wendelin Schmidt-Dengler: Ich habe als Kind das ABC gelernt, das hilft.

7
Jan
2008

Venezia...

[eo] Venecio dum januara nokto:
jen kelkaj fotoj

[de] Venedig, jännernächtens:
ein paar Photos

29
Nov
2007

Kalina vs Grillitsch oder Das Ständestaatsdilemma

An sich eine Nullmeldung: Josef Kalina, Bundesgeschäftsführer der SPÖ und damit eine jener Personen, die fürs Böse-Zitate-Produzieren bezahlt werden, schimpft über die ÖVP-Agrarpolitik und den Bauernbundpräsidenten Fritz Grillitsch, und wie das so üblich ist tut er das nicht durch die Blume. So attestiert er dem Bauernbund eine "ständestaatliche" Manier beim Umgang mit EU-Subventionen.

Angesichts solcher Bosheiten werden selbst Haudegen wie Kalinas VP-Pendant Hannes Missethon zu Sentimentalchens, der fordert gleich eine Entschuldigung, wobei die schon von Kanzler Gusenbauer zu kommen hat (der für den Tatzeitpunkt zwar als Alibi vorweisen kann, in Budapest mit dem Ministerpräsidenten gesehen worden zu sein, aber was solls).

Dabei trifft Kalina mit dem Ständestaat-Vergleich einen Punkt, der unter der Oberfläche bedeutend wunder ist als es die reflexgesteuerte parteipolitische Entrüstung vermuten ließe -- die Zwischenkriegszeit, deren Aufarbeitung zu verhindern einst eines der Motive bei der Konstruktion des österreichischen Opfermythos ("wir waren Hitlers erstes Opfer") war. Heute ist der Opfermythos ziemlich in Dekonstruktion begriffen, die Zwischenkriegszeit mit all ihren Heldentaten auf beiden Seiten bleibt aber was sie war: ein Unthema, reduziert auf Mystifizierungen von Dollfuss'schem Martyrertod, Gemeindebauboom und Hochalpenstraße.

So ist man versucht ganz scheinheilig zu fragen: Wenn denn der Ständestaatsvergleich so ehrenrührig ist, was tut dann das Portrait des Herrn Dollfuss im ÖVP-Klub im (einst von Dollfuss zugunsten der viel österreichgemäßeren ständischen Ordnung abgeschafften) Parlament? Ist die einhellige Aufregung von Grillitsch, Missethon, Wirtschaftsbund (besonders originell Generalsekretär Kopf: "Lernen Sie Geschichte!") und allen, die noch folgen werden, ein Zeichen für den Bruch der ÖVP mit ihrem Teil des Mythenmärchens ("Wir mussten leider das Parlament abschaffen, die Sozis einsperren und verjagen, um gegen die Nazis vorgehen zu können")? Wird demnächst ein Stoßtrupp unter Leitung des Bauernbundbosses den ÖVP-Parlamentsklub knacken, um Dollfuss von der Wand zu reißen?

19
Nov
2007

KH 17.11.: Musik zwischen Nichtigkeit und Existenz

Kaum etwas lässt sich so gut über- und unterbewerten wie die Musik. Allen Tendenzen in anderen modernen Kunstsegmenten zum Trotz ist die Musik ungeschlagen in ihrer Ungegenständlichkeit, die sich eindeutigen Interpretationen hartnäckig zu verweigern mag, und die Frage "was ist Musik" wird am allerwenigsten durch sie selbst beantwortet.

Ganz besonders spannend wird daher die Frage nach dem Anspruch von Musik und den Qualitätsmerkmalen "guter Musik"; fatal die Frage nach der "Wahrhaftigkeit" von Musik, die gerne als Lackmustest für die Kitschfrage gewählt wird und immanent systembezogen beantwortet wird. Sind Mahlers Schwelgereien Gefühlsentäußerungskitsch? Ist Serialismus ideologische verstockt und Minimal Music Kadenzenkitsch? Wagner Germanentumkitsch und Schostakovitsch Sozialismuskitsch samt Künstlerleidenskitsch?

Klangfarben und -teppiche

Das Spektrum, das das Orchestre Philharmonique de Strasbourg unter Marc Albrecht am Samstag im Konzerthaus präsentierte war in dieser Frage von einer außergewöhnlichen Breite. Als Einstieg wurde mit Henri Dutilleux' Métaboles für großes Orchester ein (sich der K-Frage souverän entziehendes) Klangfarbenjuwel eines hiezulande viel zu wenig beachteten Zeitgenossen zum Besten gegeben.

Als Erich Wolfgang Korngold das Konzert für Violine und Orchester schrieb, war er schon über viele Jahre in Hollywood als Komponist damit beschäftigt, Klangteppiche für Filme zu schreiben, die in der Regel das Gezeigte nach Möglichkeit "still" unterstreichen sollen, ohne selbst als eigene Charakter in den Vordergrund zu treten -- die beste Filmmusik wird ja angeblich überhaupt nicht als solche wahrgenommen (und Ausnahmeexistenzen auf cineastischer Seite wie Stanley Kubrick bestätigen diese Regel ebenso wie solche auf kompositorischer Seite). Das korngüldene Violinkonzert funktioniert nach derselben Methode: Man nimmt es am besten als Klangteppich war, der das Schauspiel von Dirigent und Solist unterstreicht. Über weite Strecken funktionierte das mit dem Hauptdarsteller Renaud Capouçon sehr gut: Mitreißendes Mimenspiel, überzeugende Gestik, stilsichere Garderobe, charmanter Dreitagesbart. Dass zwischen einzelnen Lichtblicken wie der Kadenz im ersten Satz und dem Einstieg in den Dritten Satz weite Strecken belangloser Trivialität sondergleichen zu überwinden sind, steigert nur den dem Solisten gebührenden Respekt.
Und: Ja, das ist Kitsch. Obgleich vieles aus den 1950er und 60er Jahren mittlerweile "Kult" ist, bleibt das lapidare NY-Times Urteil von damals -- "Hollywood-concerto" -- unverändert giltig.

Mit Anlauf durch die K-Falle

Die Vierte ist Mahlers vielleicht augenscheinlich freundlichste Symphonie -- im Gegensatz zu allen drei vorangegangenen skizziert Mahler bereits im Einstieg in den ersten Satz in Form eines gemütlichen Walzers jene Schablone, anhand der er die Welt auseinander zu nehmen gedenkt, in die Tiefen und Untiefen der Existenz projiziert werden; eine Schablone von wohlbestallter Organisiertheit, die sich im Verlauf des Satzes immer mehr zu einer Fratze des Chaos wandelt. Der Lackmustest die "K-Frage" betreffend wird im 4. Satz absolviert, ein Variationensatz mit Sopransolo, das Sätze wie "Johannes das Lämmlein auslasset / Der Metzger Herodes d'rauf passet" oder "Gut Kräutlein von allerhand Arten, / Die wachsen im himmlischen Garten, / Gut Spargel, Fisolen / Und was wir nur wollen" enthält. Hier kommt nur erhobenen Hauptes durch, wer die vorigen Sätze als Anlauf zum Aufbau der Mahlerschen Weltschmerz-Stimmung gut genutzt hat -- und trotz einzelner Unsicherheiten im Blech und kleineren Koordinationsschwierigkeiten vor allem in den schnellen Partien der Mittelsätze gelingt dies dem Orchester und der Solistin Ruth Ziesak in überzeugender und berührender Manier.

13
Nov
2007

12.11.: zeitgenössisches "von außerordentlicher Kommunikativität"

Zeitgenössisches der eher gefälligen Sorte (im Katalog heißt das dann Werke "von außerordentlicher Kommunikativität") aus Kroatien brachte das Kroatische Kammerorchester Zagreb unter der Leitung von Domeniko Briski im Rahmen des Festivals der kroatischen Musik im Prayner Konservatorium zu Gehör.

In der Musik für Streicher von Frano Parać hörte man Anklänge an die Minimal Music, die freilich rechtzeitig verlassen wurde, um in einem furiosen fugalen Steigerungslauf auszuklingen. Thematisch eher im Schatten stand daher das nachfolgende Notturno von Tomislav Uhlik als eine Art dalmatinischer "Holbergs Zeiten" mit -- wie im skandinavischen Pendant -- manifester Kitschgefahr.

Interpretatorischer Höhepunkt zweifelsohne die Sinfonietta für Saxophon, Streicher und Schlagzeug von Bruno Bjelinski, dem der 17-jährige Saxophonist Lovro Merćep in stupender Perfektion Verve und Dynamik verleiht. Vor allem die leicht an Bernstein gemahnenden Randsätze des dreisätzigen Werks mit ihren vom Schlagwerk getragenen unregelmäßigen Rhytmen und den virtuosen Saxophonlinien wirken sehr mitreißend.

Der kompositorische Höhepunkt freilich die Studien für Streichorchester des österreichisch-ungarischen Komponisten Iván Eröd: Fünf Sätze feinstes Durchschreiten der violonen Ausdrucksmöglichkeiten, auch wenn nicht nur der Schlussakkord interpretationsbedingt etwas dissonanter klang als vorgesehen. Im zum Abschluss gegebenen Samba brevis für Streicher von Ivo Josipović schließlich noch eine Demonstration, Violinen auch als Trommeln und ViolinistInnen auch als Gesangsverein verwendet werden können -- ein amüsanter Erkenntnisgewinn.

6
Nov
2007

viktimoj de la polico...

[eo]
Mi trabiciklis la Heldenplatz ("placo de la herooj"), histoririĉa placo ĉirkaŭigita de diversaj monumentoj de inta, anta k unta povo (la eksa imperiestra palaco, la sidejo de la kanceliero, la sidejo de la prezidento de la respubliko), de heredaĵo (la arthistoria muzeo, la nacia biblioteko), plej ŝatata manifestaciejo de la urbo.

Iom kaŝite, apud la pordego kiu memoras iun datrevenon de surtroniĝo de iu imperiestro, troviĝas ŝtona kvadrada monumenteto, ĉirkaŭ kiu staris policistoj en honoraj uniformoj, polica muzikgrupo, k kkaj oficiuloj. Kiam mi alvenis, ili ekludis funebran pecon de Schubert, k mi demandis al spektantino kio okazis tie.

"Tio estas honorigo de la viktimoj de la polico", ŝi diris, sed tuj korektis sin: "Nu, de la viktimoj ene de la polico, do la policanoj kiuj.. nu, kadre de sia servo iĝis viktimoj."

Klasika "Freud-a eraro" lingva -- oni elparolas sian unuan asociecon, kiu estas ĝuste la malo de kion oni laukonvinke devus diri. Se oni aŭdas "polico" k "viktimo", la plimulto de miaj samlandanoj tuj pensus pri la afrikano Marcus Omofuma, kiu mortis en aviadilo post kiam la policanoj estis gluinta glupaperon sur lian buŝon por ke li ne protestu kontraŭ sia elpuŝo el Aŭstrio. Venas en nian memoron la videobendoj de policanoj kiuj postkuris kontraŭregistarajn manifestantojn en 2000.
Oni pensas pri viktimoj de polica razismo k streĉo kiel la afrikano kiun 3 policistoj vundbatis pro lia malvolo eniri elpuŝ-aviadilon; viktimoj de polica malprofesieco kiel la motorbiciklisto kiun policanoj akcidente mortpafis postsekvante bankŝteliston; viktimoj de polica aroganteco k povkompleksoj kiel la germana ĵurnalistino kiun en 2007 3 virpolicistoj ĵetis surteren post kiam ŝi refuzis identitiĝi (ŝia krimo estis ke ŝi trabiciklis ruĝan trafiklumon).

Mi ne kredas je la konspiraciaj teorioj laŭ kiuj nia polico sistematike uzas misuzon de povo kiel oprimilo; mi konas policanojn kiuj eksercadas sian profesion pro la plej noblaj motivoj, modeste kaj firme.
Sed simple al nia polico je institucia nivelo mankas la kapablo mastrumi sian propran neperfektecon, agnoski erarojn, k ĉefe lerni el siaj eraroj. La slogano de la Internacia Polica Asocio "Servo per amikeco" enhavas du gravajn vortojn: Servo -- ne eksercado de povo, kaj amikeco, ne aroganteco. Se la aŭstria polico iam kredos je k agos laŭ tiuj principoj, certe malaperus nia refleksa asocieco de polica viktimeco kaj misuzo de polica povo.

5
Nov
2007

MV 31.10. ŭ 4.11.: zwei Welten Bruckner

[de]
Eines der zahlreichen mäßig inhaltsvollen Klischees über Anton Bruckner lautet, der Meister habe "eine einzige Symphonie" geschrieben (und nicht 11), die weihrauchgetränkte Fortführung lautet dann noch "und zwar die Symphonie zur Ehre Gottes". Dies ist die perfekte Manifestation eines Bruckner-Bildes, das den Diener Gottes als weltentrückten Dorftrottel würdigt, der mit der zivilisierten Urbanität nicht umzugehen wusste und sich auf Wolken schwebend der modernistischen Raserei entzog. Klar, dass diese liebenswürdige Witzfigur zu künstlerischem Schaffen auf Basis einer "autonomen Subjektivität" nicht fähig ist und seine "symphonischen Kathedralen" also von irgendwoher diktiert bekommen haben muss. Und diese(r) extraterrestrische Inspirationsgeber(in) wird ihm doch nicht 11 Symphonien eingeben, sondern eben die Symphonie.

Nun sei den (gar nicht so wenigen) AnhängerInnen solch einer Brucknerey -- sei es in klassisch-katholischer oder neuerdings ganzheitlich-esoterischer Ausprägung -- ihr Glück gegönnt, aber wer das Vergnügen hatte, im Musikverein am Mittwoch das Cleveland Orchestra unter Franz Welser-Möst mit der Neunten und am Sonntag das Symphonieorchester des Bayr. Rundfunks unter Mariss Jansons mit der Siebenten zu hören, täte sich wohl bei bestem Willen schwer, so etwas noch ernst zu nehmen.

Technokratischer Intellektualismus und ungenierte Glückseligkeit


Der Mittwochabend begann mit einer herausragenden Interpretation der Klangfarbenkomposition Lontano von György Ligeti, die auch programmatisch eine schöne Klammer zur Bruckner-Neunten aufspannte, durch deren "finalen" Adagiosatz sich die Klangfarbenflächen als wiederkehrende "thematische" Höhepunkte ziehen. Ein nur scheinbares Paradox ist, dass mit der Perfektion eines Orchesters die Fähigkeit steigt, Sätze wie das Scherzo der Neunten langsam zu spielen. Wenn das Cleveland-Orchestra die oft als schnellen Steigerungslaufes zu den Tuttirepetitionen interpretierten Akkordzerlegungen zu Beginn des Satzes spielt, ist die gefühlte Ereignisintensität unvergleichlich hoch: in ungehörter Klarheit die Details der Instrumentation und der rhytmischen Gestaltung. Der Adagio-Satz wird zum existenzialistischen Exkurs, der Dirigent zum Technokraten an der Spitze einer hochmotivierten SpezialistInnentruppe.

Die Siebente ist neben der Vierten die meistgespielte Symphonie Bruckners, und Mariss Jansons brachte dem jubelnden Publikum genau jenen Sonntag-Abend-Bruckner, für den man gekommen war: Er kostet die langen Linien der Siebenten aus, schwelgt mitreißend durch die -- in der Siebenten wie in keiner anderen Bruckner-Symphonie bekömmlichen und zugänglichen -- Melodien. Man schluchzte beim prämortalen Wagner-Requiem des Adagios, tanzt durch das Scherzo und gleitet lächelnd durch das Finale in ungenierter Glückseligkeit.

29
Okt
2007

Von schnellen Autobahnen und verrauchten Lokalen

[de]
Fast jede Gesellschaft hat ihre Themen, die sich in der Öffentlichkeit nicht rational diskutieren lassen. Was in Deutschland das Tempolimit auf Autobahnen ist, ist in Österreich derzeit das Rauchen im öffentlichen Raum, v. a. in Lokalen: In gleicher Weise rufen Vorschläge, die Fahrgeschwindigkeit zu begrenzen, in Deutschland wütende und unsachliche Reaktionen hervor (und es ringt einem einen gewissen Respekt ab, dass die SPD sich gerade in Zeiten innerer Zerreißproben mit so einem Vorschlag an die Öffentlichkeit wagt) wie in Österreich das Andenken eines Rauchverbotes in der Gastronomie (wo sich die politisch Verantwortlichen eher in Verwässerungen ohnehin schwacher Vorschläge übertreffen).

Abstrakte Idee eines Identitäts- oder Lebensgefühls

Dahinter steht meist eine abstrakte Idee eines Identitäts- oder Lebensgefühls. Für viele Deutsche bildet die stupide Phrase „Freie Fahrt für freie Bürger“ tatsächlich einen Teil ihres Freiheitsgefühls und -bedürfnisses ab, dessen absurde Auswüchse Karulin sehr gut beschreibt: Wer sich diesem konsensualen Freiheitsbegriff entziehen will (z. B. weil sie oder er lieber öffentlich fährt, die Umwelt schützen will oder eine intakte lokale Infrastruktur mehr schätzt als automobile Raserei), wird flugs zum „Halbmenschen“, zu jemand, der aufgrund eines – hier sogar selbstverschuldeten – Defizits nicht an der Gesellschaft teilnehmen kann, und dies zudem nicht in aller Stille erleidet, sondern gleich einem Störenfried den anderen noch vor Augen hält.

Die heilige Kuh der ÖsterreicherInnen ist die „Gemütlichkeit“, jenes dank der Katalysatoren Alkohol und Nikotin gesellig-gemütliche Zusammensein in einem sozial und zwischenmenschlich unproblematischen Umfeldes. Diese Kultur, um die uns – wie Ex-Austria-Tabak-Chef Beppo Mauhart in einem durch und durch letztklassigen Auftritt im ORF erklärt – ganz Europa beneidet, scheint leider so fragil zu sein, dass sie ohne die dazugehörige Zigarette nicht funktionierte. Und der oben erwähnte Unterdrückungsmechanismus funktioniert wieder: wer sich für ein Rauchverbot in Lokalen ausspricht ist nicht etwa für bessere Luft in Lokalen, sondern gegen die vermeintliches Kollektivinteresse, Tradition, Kultur und Volksgemeinschaft (ein bewundernswerter manipulativer Erfolg jener 10% „AbsolutraucherInnen“).

Klassisch patriarchale österreichische Diskussionskultur

Überhaupt war die Diskussionssendung „Im Zentrum“ ein Lehrstück in klassisch patriarchaler österreichischer Diskussionskultur: Drei Herren, die mit Unterstützung eines narzisstischen Moderators ständig versuchen, ihre DiskussionsgegnerInnen herunterzumachen („Gnädige Frau, Sie haben doch keine Ahnung von der Gastronomie“), zu vereinnahmen („Herr Doktor, ob Passivrauchen wirklich schädlich ist, wissen wir doch alle nicht“) oder sich selbst an die Spitze eherner unumstößlicher Traditionen zu stellen („Das ist halt seit Jahrhunderten unsere Kultur“).

Als in den 70er Jahren in der Wiener Innenstadt Fußgängerzonen eingeführt wurden, geschah dies aufgrund der Weitsicht einiger Politiker, die sich gegen den Mainstream von AnrainerInnen und Geschäftsleuten (die allesamt den „Tod der Einkaufsstraßen“ für den Fall der Abstellung des Autoverkehrs prophezeiten) stellten – und war innerhalb kürzester Zeit mehrheitlich anerkannt. Das anfangs verwünschte Rauchverbot in den Ristoranti sei heute „das einzige überhaupt befolgte Gesetz Italiens“. Sich mit einem nachhaltigen Konzept über den Stammtischrauch hinwegsetzen heißt „politische Verantwortung“ zeigen – und wie es aussieht, hat weder in Frau Merkel noch irgendjemand in der österreichischen Bundesregierung Format und Charakter, in den Fragen Gaspedal und Zigarette eben das zu tun.

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