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Fast jede Gesellschaft hat ihre Themen, die sich in der Öffentlichkeit nicht rational diskutieren lassen. Was in Deutschland das Tempolimit auf Autobahnen ist, ist in Österreich derzeit das Rauchen im öffentlichen Raum, v. a. in Lokalen: In gleicher Weise rufen Vorschläge, die Fahrgeschwindigkeit zu begrenzen, in Deutschland wütende und unsachliche Reaktionen hervor (und es ringt einem einen gewissen Respekt ab, dass die SPD sich gerade in Zeiten innerer Zerreißproben mit so einem Vorschlag an die Öffentlichkeit wagt) wie in Österreich das Andenken eines Rauchverbotes in der Gastronomie (wo sich die politisch Verantwortlichen eher in Verwässerungen ohnehin schwacher Vorschläge übertreffen).
Abstrakte Idee eines Identitäts- oder Lebensgefühls
Dahinter steht meist eine abstrakte Idee eines Identitäts- oder Lebensgefühls. Für viele Deutsche bildet die stupide Phrase „Freie Fahrt für freie Bürger“ tatsächlich einen Teil ihres Freiheitsgefühls und -bedürfnisses ab, dessen absurde Auswüchse
Karulin sehr gut beschreibt: Wer sich diesem konsensualen Freiheitsbegriff entziehen will (z. B. weil sie oder er lieber öffentlich fährt, die Umwelt schützen will oder eine intakte lokale Infrastruktur mehr schätzt als automobile Raserei), wird flugs zum „Halbmenschen“, zu jemand, der aufgrund eines – hier sogar selbstverschuldeten – Defizits nicht an der Gesellschaft teilnehmen kann, und dies zudem nicht in aller Stille erleidet, sondern gleich einem Störenfried den anderen noch vor Augen hält.
Die heilige Kuh der ÖsterreicherInnen ist die „Gemütlichkeit“, jenes dank der Katalysatoren Alkohol und Nikotin gesellig-gemütliche Zusammensein in einem sozial und zwischenmenschlich unproblematischen Umfeldes. Diese Kultur, um die uns – wie Ex-Austria-Tabak-Chef Beppo Mauhart in einem durch und durch letztklassigen Auftritt im ORF erklärt – ganz Europa beneidet, scheint leider so fragil zu sein, dass sie ohne die dazugehörige Zigarette nicht funktionierte. Und der oben erwähnte Unterdrückungsmechanismus funktioniert wieder: wer sich für ein Rauchverbot in Lokalen ausspricht ist nicht etwa für bessere Luft in Lokalen, sondern gegen die vermeintliches Kollektivinteresse, Tradition, Kultur und Volksgemeinschaft (ein bewundernswerter manipulativer Erfolg jener 10% „AbsolutraucherInnen“).
Klassisch patriarchale österreichische Diskussionskultur
Überhaupt war die Diskussionssendung „Im Zentrum“ ein Lehrstück in klassisch patriarchaler österreichischer Diskussionskultur: Drei Herren, die mit Unterstützung eines narzisstischen Moderators ständig versuchen, ihre DiskussionsgegnerInnen herunterzumachen („Gnädige Frau, Sie haben doch keine Ahnung von der Gastronomie“), zu vereinnahmen („Herr Doktor, ob Passivrauchen wirklich schädlich ist, wissen wir doch alle nicht“) oder sich selbst an die Spitze eherner unumstößlicher Traditionen zu stellen („Das ist halt seit Jahrhunderten unsere Kultur“).
Als in den 70er Jahren in der Wiener Innenstadt Fußgängerzonen eingeführt wurden, geschah dies aufgrund der Weitsicht einiger Politiker, die sich gegen den Mainstream von AnrainerInnen und Geschäftsleuten (die allesamt den „Tod der Einkaufsstraßen“ für den Fall der Abstellung des Autoverkehrs prophezeiten) stellten – und war innerhalb kürzester Zeit mehrheitlich anerkannt. Das anfangs verwünschte Rauchverbot in den Ristoranti sei heute „das einzige überhaupt befolgte Gesetz Italiens“. Sich mit einem nachhaltigen Konzept über den Stammtischrauch hinwegsetzen heißt „politische Verantwortung“ zeigen – und wie es aussieht, hat weder in Frau Merkel noch irgendjemand in der österreichischen Bundesregierung Format und Charakter, in den Fragen Gaspedal und Zigarette eben das zu tun.