Montag, 6. Oktober 2008

Das Abenteuer ist zu Ende

Die letzten Tage in Dushanbe waren vor allem vom Ende des Ramadan geprägt, dem "id al-fitr"-Fest, oder kurz "Id".
Es ist einer der wichtigesten muslimischen Feiertage, es wird unglaublich viel Essen zubereitet, und überall ist "open-house".
Am 1.Oktober hat Shavkat, mein Chef mich eingeladen, mit ihm die traditionellen Id-Besuche zu machen. Dabei besucht man bevorzugt diejenigen verwandten, befreundeten und benachbarten Familien, die im Jahr davor einen Angehörigen verloren haben. Generell gilt, dass viel Besuch als gutes Zeichen empfunden wird.

tchapon
Wer ist tajikischer? - Shavkats Vater mit mir (im "Tchapon")

Shavkats Familie hat mir einen чапон - "Tchapon" geschenkt, das ist ein traditioneller Männerwintermantel, ich war tief beeindruckt.

id
So hat der Tisch ausgesehen... NACHDEM die Gäste schon gegangen sind!!!

Die Heimreise am 3.10. war dann natürlich nicht auch nicht ohne Komplikationen, das hätte ich aber auch nie erwartet. Weil mein Flug nach Moskau dann als "wahrscheinlich erst in 20h" verspätet gemeldet wurde, habe ich mit einigem Verhandeln ein Ticket für ein Flugzeug zu einem anderen Moskauer Flughafen (Vnukovo) bekommen, dort bei unwahrscheinlich freundlichen Flughafenpolizisten ein Transitvisum bekommen, und nach einer gründlichsten Untersuchung meines Gepäcks (Tajikistan - Drogentransitland) konnte ich mein Flugzeug nach Wien von Moskau Domodedovo erreichen.

Zurück in Wien ist der Kulturschock nicht unbeträchtlich, natürlich ist es aber schön, wieder zuhause zu sein.
Jedem, der Tajikistan als Reiseziel in Betracht zieht, sei gesagt, dass man viel Mühsal, Verspätung, wenig Komfort, aber andererseits eine komplett andere Welt, zum grössten Teil wärmste Gastfreundschaft und überhaupt ein unvergessliches Erlebnis vor sich hat.

Mehr nachzulesen über meine Erfahrungen im postsowjetischen Raum gibts hier in meinem Perm- / Russland-Blog: http://twoday.tuwien.ac.at/perm

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Am Ende der Welt

Am 25.September bin ich gegen 11h in einem Lada Niva vom Jeep-Sammelplatz Richtung Vantsh aufgebrochen. Mit anderen Autos als mit Jeeps ist diese Strecke glatter Selbstmord. An Bord waren der Fahrer Bahreddin, drei Damen aus Vantsh, ein Mädchen und ein Bub, und ich. Ausserdem noch ca. 300kg an Fracht, somit waren wir typisch tajikisch “leicht” überladen.
Die Strecke Dushanbe – Vantsh ist etwa 370km lang, fuehrt unter anderem über einen 3500m hohen Pass, und etwa 80km entlang der afghanischen Grenze über eine Schotter-Fels-Schlagloch-Schluchten-Piste, die Ihresgleichen sucht.

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Als Pass-Strasse getarnte Schotter-Fels-Schluchten-Piste

Der erste Teil der Fahrt war erwartet mühselig, unbequem, hart, ich bin aber als der “hohe” ausländische Gast und als Mann sowieso vorne gesessen. Die Damen und der Fahrer haben mich über Österreich ausgefragt, und wir hatten eine sehr nette Atmosphäre an Bord. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit hat Mascha, die älteste der Damen, mit einem weißen und einem schwarzen Faden die Helligkeit begutachtet, weil wenn die zwei nicht mehr zu unterscheiden sind, darf das Fasten gebrochen worden. Das war eine Premiere, weil sonst wird überall einfach die Uhrzeit als Maßstab genommen, ausserdem verschicken alle Mobiltelefon-Provider auf Wunsch SMS mit den Uhrzeiten des Fastenbruchs – Islam goes technology. Wir sind dann gleich bei einer der zahlreichen, äusserst einfachen Raststätten eingekehrt, das Einheitsgericht war Lamm-Shurbo, eine fettige Suppe.

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An der Tankstelle...

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...wird getankt

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Die Raststaette auf ca. 2800m - tajikischer "Rosenberger"

Nach der Weiterfahrt hat der bis dahin sehr zuverlässige Jeep ein bisschen gemeckert, und dann, ja – erraten wo(!), 50m vor Erreichen der Passhöhe hat der Antrieb versagt. Zu sehen war nur, dass sich das rechte Hinterrad etwa 10cm aus der Verankerung nach aussen gelöst hat. Bahreddin und ich haben dann den Reifen samt Radaufhängung abmontiert und zerlegt, auf ca. 3500m bei windigen 2 Grad, zum Glück hatte ich meine Taschenlampe dabei! Wir haben das Problem mit dem kaputten Radlager in 1h Arbeit halbwegs beheben können, aber weil weiterhin Gefahr bestanden hat, dass sich das Hinterrad samt Antriebswelle löst, sind wir langsamer gefahren. Das Reparaturritual hat sich bis zum Ende der Fahrt 4x wiederholt.

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Das Problem

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Eine der Reparatur-Sessions

Wir haben dann nach und nach die Damen abgeliefert, da sie schon ein Stückchen vor Vantsh zuhause sind. Bahreddin wollte dann aber unbedingt vor Tagesanbruch noch essen, da er ja auch die “Ruza”, das Fasten einhält. Wir haben gegen 4.30h bei irgendeinem Haus um Einlass gebeten, haben im Gästeraum “Shirtschoj” (Tee gekocht mit Ziegenmilch, etwa Salz und geriebenen Nüssen – ein typisches pamirisches Frühstück) bekommen, dann wurde uns von den Frauen des Hauses ein Bett bereitet und wir haben bis 8h geschlafen. Ich war fast zu müde um über die widerspruchslose Gastfreundschaft dieser Familie mitten in der Nacht erstaunt zu sein.
Aus den erwarteten 9-12h Fahrt sind dann 18(!) geworden, mein Gastgeber Machmaddschon (der Vater meines Arbeitskollegen Ashraf, der mich eingeladen hatte) war natürlich in Sorge, wo ich denn so lange bleibe. Andererseits weiß man hier natürlich, dass die Strecke lang ist und immer Unvorhergesehenes passiert. Alle Jeeps haben ein Sammelsurium an Ersatzteilen dabei, im Krisenfall wird gegenseitig geholfen, wie es nur geht. Bahreddin war wirklich ein Held, wie er mit Improvisation und unzureichendster Ausrüstung das Problem mit dem kaputten Radlager behoben hat. Er hat mir nach der Ankunft gratuliert, dass ich die pamirische Mechaniker- und Schlosserlehre mit Auszeichnung bestanden hätte.
Am Vormittag bin ich dann bei Machmaddschon eingetroffen, er ist Chirurg im örtlichen Krankenhaus. Den ganzen Tag haben wir geplaudert, gegessen (er kennt sich mit Religion laut eigener Aussage nicht aus und fastet deswegen auch nicht), dann bin ich aber gegen 21h eingegangen. Die Ehepaar hat mir ihr Schlafzimmer überlassen, so will es die Tradition hier.

snack
Machmaddschon, der Chirurg - so wird einem Gast sofort nach Betreten eines Hauses ein kleiner Snack gereicht.
Der Snack dient auch zum Ueberbruecken der Zeit, waehrend der die Frauen kochen

Gegen 5h früh ist dann der Jeep, den Machmaddschon organisiert hat, gekommen um mich weiter rauf ins Tal zu bringen. Der Fahrer ist ein Verwandter, deswegen durfte ich so wie bei allen weiteren Fahrten nur für den Sprit bezahlen, alles weitere war aus Gründen der Gastfreundschaft umsonst.
Wir wurden dort von Ali… empfangen, ein Onkel Ashrafs und Geologe. So wie etwa 70% der pamirischen Männer hält er das Fastengebot des Ramadans nicht ein. Der Grund hierfür liegt eher darin, dass in dieser Region harte körperliche Arbeit allgegenwärtig ist und mehr zählt als frommes muslimisches Verhalten, das fast als Luxus der Bessergestellten gesehen werden kann. Andererseits wird hier aber auch viel weniger (wahrnehmbar) gebetet als in Dushanbe. Der Grund liegt zum Teil auch darin, dass im Pamir meist Ismailiten leben.
Überhaupt ist die Einstellung der Menschen zu wichtigen Aspekten des Lebens eine andere. Der Aga Khan („Ogo-Chon“) wird hier fast wie ein Heiliger verehrt, der mit konkreten Hilfsaktionen trotz seines Schweizer Wohnsitzes viel näher an den Menschen dran ist als der tajikische Präsident, der zuletzt im Hubschrauber (also den Zustand der Strassen nicht kennend oder ignorierend) eingeflogen wurde und absurd unrealistische Hilfsversprechen abgeliefert hat. Bis auf einen Einzigen haben sich alle gegen ihn ausgesprochen, sogar über einige drastische Massnahmen laut nachgedacht.
Da Afghanistan in unmittelbarster Nähe liegt, habe ich natürlich auch das Gespräch auf dieses Thema gelenkt, es kommt aber auch so oft zur Sprache. Einige Gesprächsschnipsel:
…Der afghanische Staat, der nach Meinung Vieler gar nicht wirklich existiert, ist arm, die Bevölkerung ist „reich“. Das kommt daher, dass sie eben nicht nur Baumwolle und Nahrungsmittel anbauen und geschickte Händler sind…
…Man nimmt das Gesetz dort selbst in die Hand, die NATO-Mächte sind ausserhalb Kabuls nicht existent, von einer afghanischen Macht kann man aufgrund der verschiedenen Stämme und deren Interessen sowieso nicht sprechen…
…Zu Sowjetzeiten war die Grenze streng bewacht und absolut dicht, in den 90er Jahren konnte man aufgrund der hiesigen Bürgerkriegszustände und des dortigen völligen Fehlens einer Kontrolle frei die Grenze überschreiten. Jetzt hat man Bekannte unter den Grenzwachen und den Sicherheitsdiensten, die gegen Bakschisch oder ähnliches wegsehen… (Hier muss ich anmerken, dass ich während der Vorbeifahrt am 80km langen Grenzstück gerade mal 2 Patrouillen zu je 2 Burschen in Uniform mit leichten Maschinengewehren gesehen habe, zu Fuss unterwegs natürlich. Gegen eine Flasche Limonade schauen die im gebotenen Moment sicher auch gerne mal in eine andere Richtung…)
…Man kauft in Afghanistan ein Kilo Heroin um 200-300 Dollar, kommt im Ruderboot über den Grenzfluss Pjandsh, und verkauft die Ware in Dushanbe um bis zu 1500, man nimmt dann ein paar Kilo und tauscht die gleich gegen ein Auto ein. Der Preis eines Autos wird deswegen oft in Kilos angegeben…
…Jeder Vater, der Töchter hat, will Khorog (die nahegelegene Provinzhauptstadt auf tajikischer Seite) verlassen, weil durch die Anwesenheit ausländischer Soldaten auf Erholungsurlaub die Prostitution floriert…

Es war auch interessant eine andere Meinung der dortigen Einheimischen über das restliche Tajikistan zu hören. Meine Arbeitskollegen bei Babilon-T in Dushanbe waren ausser der paar, die im Pamir aufgewachsen sind, noch nie dort. Umgekehrt haben aber viele Pamiris zumindest einmal im Jahr gewisse Dinge in Dushanbe wie z.B. Behördengänge oder Verwandtenbesuche zu erledigen. Ich musste immer wieder nachfragen (an das bin ich hier schon gewöhnt), weil sie natürlich mehr daran interessiert waren, über Österreich und Europa zu erfahren, als über ihr Land zu sprechen.

Mit Ali und Machmaddschon (der Lehrer eines Dorfes ca. 40km tief im Vantsh-Tal gelegen) bin ich weiter hinauf ins „Obere“ Vantsh-Tal aufgebrochen, die letzten 4-5km nach Poy-Mazor (ca. 2000m Seehöhe) sind wir zu Fuss gegangen, vorher im Jeep über eine apokalyptische Strecke durch immer ärmere Dörfer gefahren.

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Eine der "Bruecken" auf dem Weg zum Dorf Poy-Mazor

Poy-Mazor („Mazor“ bedeutet Grab auf tajik) ist ein heiliger Ort, weil dort ein Abkömmling des Propheten Mohammed begraben liegt und ist das letzte Dorf im Tal, seit etwa 5 Jahren nur noch zu Fuss erreichbar, seit die Strasse dorthin verschüttet wurde.

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Im Dorfzentrum von Poy-Mazor

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Opa Gul (Avzals Vater), hinter ihm schlaeft Lehrer Machmaddschon, Ali (der Geologe) und rechts unser Gastgeber Avzal.

Wir haben 10 Liter Benzin mitgenommen, um mit einem dortigen Auto weiter zum Gletscher fahren zu können. Obwohl das Dorf sichtlich sehr arm ist, wurden wir wie Fürsten empfangen, umso mehr weil ein Ausländer gekommen ist. Die Neuigkeit hat sich sichtlich sehr schnell verbreitet, meist sind Kinder zum Ausländerschauen gekommen sind. Mir wurde erzählt, dass ich der 4.Tourist dort bin, 1994 war ein Tscheche da, und vor 2 Jahren ein britisches Pärchen, das bei der gleichen Familie wie wir übernachtet hat. Da vor einigen Jahren aber ein kleines Wasserkraftwerkchen für das Dorf mit Sponsorgeldern einer Deutschen gebaut wurde, bin ich überzeugt, dass da schon ein paar mehr vorbeigekommen sein müssen.
In der Früh sind wir gegen 5h mit einem Lada Niva-Jeep die 12km zum Gletscher aufgebrochen, nach 1,5km ist aber der Keilriemen gerissen, wir (Ali, Machmaddschon, Avzal (der Gastgeber) und ich) sind dann zu Fuss die letzten 10km zum Gletscher gegangen, die auch nicht ohne waren. Der Bruder Avzals und Fahrer ist zu Fuss ins Dorf zurück, um einen Ersatz für den Keilriemen aufzutreiben, was gar nicht so leicht war. Wir hatten vereinbart, dass er uns irgendwie am frühen Nachmittag in Gletschernähe abholen sollte.
Nach 3h Fussmarsch, auf dem wir frischen Bärendung und Wolfsspuren entdeckt haben (die sind dort beide häufig) haben wir am Fedchenko-Gletscher eine halbe Stunde gerastet. Es ist der grösste Gletscher auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, etwa 21km lang.

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Der Fedchenko-Gletscher

Ali hat als Geologe und „Regional-Experte“ wie ein Wasserfall voll Informationen gesprudelt.
Avzals Vater hat uns am Vorabend viel über seine langjährige Arbeit in den Quarzminen weiter oben im Tal erzählt. Dort wurde zu Sowjetzeiten bis auf knapp 5000m Seehöhe Quarz abgebaut, fast alle einheimischen Männer haben dort geschuftet. Gegen 250% höheren Lohn haben sie sich meist die Gesundheit ruiniert und sind mit 40-50 Jahren gestorben. Die Anlage wurde als „Lager“(russ.) bezeichnet, als Russlandkenner weiss ich, das bedeutet GULAG. Die meisten anderen Arbeiter dort waren Sträflinge, die man dort mehr oder weniger mit Absicht eingehen hat lassen. Nach dem Zerfall der UdSSR wurde die Arbeit aber unrentabel und eingestellt.
Der Hauptaugenmerk dort liegt aber auf der unberührten Natur, die Panoramen mit 5000ern rundherum sind beeindruckend. Der höchste Berg Tajikistans, der Pik Somoni – früher Pik Kommunismus (7495m), liegt in unmittelbarer Nähe, ist aber nur von den Gipfeln der umliegenden Berge zu sehen.
Auf dem Rückweg sind wir nach 5km auf den Jeep gestossen, er konnte wegen des wilden Geländes und einer fast komplett zerstörten Brücke nicht zu uns vorstossen. Nach einem verspäteten Mittagessen wieder zurück in Poy-Mazor sind wir wiederum zu Fuss zurück zur Strasse, wiederum haben wir den Fluss über Baumstammbrücken balancierend und ähnliches überquert.

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Die letzte "Bruecke" vor dem Gletscher, dahinter ist die "Strasse" zu sehen

Im Dorf Wan-Wan, über dessen Namen wegen des chinesischen Klangs alle Einheimischen witzeln, hat uns wiederum ein Verwandter mit seinem russischen UAZ-Jeep erwartet. Vorher wurde wir aber von wiederum einem anderen Verwandten dieses ausufernden Clans zu einem zweiten Mittagessen eingeladen. Wieder mit vielen Fragen über Europa, Österreich (…nein, nicht Australien [auf Russisch „Avstrija“ und „Avstralija“, also verständlich] – ahja, Fussball-EM, alles klar, etc...). Wieder mit „Ausländer-Schauen“ der Nachbarn. Aber sehr nett, diese alles übertreffende Gastfreundschaft ist herzzerreissend, sie haben so wenig und geben so viel.

In den 3 Tagen im Vantsh-Tal bin ich in etwa stündlich gefragt, ob ich verheiratet bin – nein, aha, wie wärs mit einer Tajikin? Hmneindankevorerstnochnicht. Das nächste Mal muss ich dann aber unbedingt meine Frau mitbringen, weil es sei ja schon höchste Zeit zum Heiraten, etc…

Danach bin ich noch am Abend die ca.65km zurück nach Vantsh gebracht worden. Die Fahrt im Jeep hat „nur“ rekordverdächtige 2,5h gedauert, dementsprechend wurde mein Körper von Schlaglöchern, Felsbrocken, etc. geprügelt.
Machmaddschon, der Chirurg, hat mich schon erwartet, nach einer Nacht wiederum in ihrem besten Zimmer bin ich am Vormittag wiederum mit einem Jeep Richtung Dushanbe aufgebrochen. Die Rückfahrt hat nur 14h gedauert, interessant war vor allem die Grenzstrasse zu Afghanistan, die ich diesmal bei Tageslicht gesehen habe. Die übrigen Passagiere, zwei Männer und eine Frau, waren alle noch nicht in Afghanistan, und hatten fast ein kindisches Interessebeim Blick hinüber auf den dort verlaufenden Eselpfad: „Schau, ein Afghane!... Jetzt zwei, und eine Frau!... Jetzt zwei, einer am Esel! Mach ein Foto!...“ Interessant war es, zu sehen, wie sehr die Häuser sich in ihrer Einfachheit von denen des „reichen“ Tajikistan unterscheiden, und wie schmal an manchen Stellen und vollkommen unbewacht der Grenzfluss ist.
Immer wieder sieht man Panzerwracks, und zahlreiche Schilder, die vor Minen warnen neben der Strasse. Das sind Überreste aus dem Bürgerkrieg in den 90ern, der in dieser Region sehr heftig war.
Nach meiner Rückkehr nach Dushanbe habe ich meinen Arbeitskollegen, speziell Ashraf, von meinen Erlebnissen im Pamir berichtet.
Samuel, der Engländer, hat mein Lächeln bemerkt, und gemeint, dass mein Trip dorthin trotz aller Strapazen und der Zustände dort grossartig gewesen sein muss. Ich konnte nur zustimmen und weiter lächeln.

Mittwoch, 24. September 2008

Endspurt und Aufbruch ins Pamir

Die letzten Tage meines Aufenthaltes in Tajikistan liegen vor mir. Einige von Euch wissen, dass es mich schon wieder ziemlich Richtung Heimat zieht. Aber gerade jetzt merke ich, dass ich meinen Kollegen bei Babilon-T noch so vieles mitgeben oder beibringen könnte. Ausgerechnet am Nachmittag meines vorletzten Arbeitstags gestern hat mir ein Admin offenbart, dass sich ein Mailserver seit einiger Zeit „auffällig verhält“. Wir haben dann gemeinsam eine Untersuchung vorgenommen, und es schaut nicht rosig aus. Der Server ist nach allen Regeln der Kunst gekapert, und die Passwörter ausgelesen worden, … Er hat dann noch später den Screenshot aller Accounts samt Passwörtern dieses Servers auf einer Crackerseite gefunden, zu meinem grossen Entsetzen waren fast alle ausnahmslos „123“ oder so ähnlich.
Ich habe während meines Praktikums hier versucht, soviel wie möglich meines Wissens zu vermitteln, die Admins mit Security-Tools vertraut zu machen, damit sie ihre Umgebung so gut es geht absichern. Bei einigen ist mir das auch passabel gelungen. Trotzdem bin ich immer wieder von der Passivität und Gleichgültigkeit der Menschen hier ernüchtert. IT-Security scheint hier sowieso ein Stiefkind zu sein, es gäbe also noch unendlich viel zu tun. Auch die Ausbildung vieler hier lässt leider nicht viel mehr zu, als sie zu Anwendern des Wissens anderer werden zu lassen. Wegen der mangelhaften Englischkenntnisse der Allermeisten werden Handbücher mehr schlecht als recht verstanden, die Anweisungen daraus kopiert, und irgendwie in die Tat umgesetzt. Dass der ganze Betrieb dabei am Laufen bleibt, wundert mich immer wieder. Die Begabung aus sowjetischen Zeiten, nicht Funktionierendes mit Improvisationstalent wieder in Gang zu bringen oder am Leben zu erhalten lässt aber wieder Hoffnung schöpfen.
Zu Beginn meiner Zeit in Dushanbe war ich etwas ernüchtert, dass das hier gesprochene Russisch nicht dem entsprochen hat, wie ich es mir von einer ehemaligen sowjetischen Teilrepublik vorgestellt habe. Auch wenn die meisten der Menschen, mit denen ich zu tun hatte, einwandfrei Russisch sprechen, merkt man doch, dass es im unabhängigen Tajikistan eben nur die Zweitsprache ist. Jugendliche aus nicht so privilegierten Schichten sprechen es zum Teil nur kaum, am Land ebenso. Auch einige wenige meiner Kollegen haben zwar einen umfangreichen Wortschatz, mit der Grammatik haperts zum Teil aber ziemlich. Das liegt aber sicher auch daran, dass sie genau zu jener Generation zählen, die während des Bürgerkrieges keinen oder nur eingeschränkten (Russisch-)Unterricht hatten.
Trotzdem habe ich in puncto Wortschatz enorm dazugelernt, es hat Spass gemacht, das aus der Theorie an der TU in Perm (RU) erlernte technische Russisch hier in der Praxis einzusetzen und vor allem zu erweitern.

Samuel, der hier unlängst „bei uns“ eingezogen ist, wird schon ein bisschen unruhig, weil ich bald wegfahre. Zuerst für 5 Tage ins Pamir, dann ganz nachhause. Er spricht nämlich nur spärlich Tajik, was dazu geführt hat, dass ich hier zuhause meistens für ihn übersetzt habe. Er hat nach wie vor Schwierigkeiten, sich an den Akzent der Tajiken im Persischen zu gewöhnen.
Wir haben uns nach der Arbeit ein paar Mal auf ein Bier getroffen (trotz des Ramadans ist das kein wirkliches Problem hier) und sind auf dem Heimweg meist von den Kindern der Nachbarschaft mit freudigen „Hello“-s begrüsst worden. Ich habe dann in der Familie gefragt, wie wir hier denn so wahrgenommen werden. Onkel Sharif hat mir dann ein bisschen dazu erzählt, wie in Tajikistan die Nachbarschaft funktioniert.
Die sogenannte „Machalá“ ist ein Teil eines politischen Bezirks einer Stadt oder eben sowas wie ein Ortsteil, ist aber vollkommen von jeglicher staatlicher oder politischer Kontrolle abgekoppelt, in ihr herrschen eigene Regeln. Man macht sozusagen alles unter sich aus, das heisst, die älteren Männer sind je nach Familienstatus in eine Hierarchie eingegliedert, wobei aber jeder jeden kennt und somit ein wenig Kontrolle über den anderen hat. Das fängt damit an, dass man sich fragt, warum jemand beim abendlichen Gebet in der Moschee nicht dabei war, warum jemand dem Alkohol zuspricht, seine Frau oder Kinder schlecht behandelt, alles wird irgendwie bekannt und spricht sich rasend schnell herum. Der Älterenrat versucht für Probleme eine Lösung zu finden, organisiert Begräbnisse – sowas wie Totenscheine sind nur für „Russen“ wichtig, denn Moslems sollten nach Möglichkeit noch am Tag ihres Todes begraben werden. Da bleibt für die chronisch langsame Bürokratie keine Zeit. In dieser Machalá können natürlich auch Ehen arrangiert werden, wofür man ja umfassende Informationen über den Status der jeweiligen anderen Familie braucht, das ist in so einer Umgebung kein Problem. Jeder weiss fast alles über den anderen. Dass die Traditionspflege in dieser Gemeinschaft einen hohen Stellenwert geniesst, ist natürlich auch klar.
Wenn die öffentliche Versorgung Probleme bereitet, zum Beispiel im Winter mit Gas, oder kein Wasser verfügbar ist, wird sofort bekannt, wo das Problem liegen könnte, und meist wird innerhalb der Machalá eine Lösung gesucht, oder es werden gemeinsam Kanäle „nach aussen“ zur Problemlösung aktiviert.
Deswegen ist hier natürlich schon längst bekannt, wer wir sind. Man weiss zum Beispiel, dass der mit der Glatze Russisch spricht und bei Babilon arbeitet. In den Details stimmts dann aber doch nicht ganz, zum Beispiel, dass ich nicht aus Australien und auch kein Boxer (wegen meiner Statur) bin, habe ich einigen Nachbarn selbst versucht klarzumachen.

Heute fahre ich mit Ashraf zum Bus-/Jeep-Bahnhof, um für Donnerstag eine Überfahrt nach Vandsh zu arrangieren. Ohne sein Zutun würde ich sicher mehr bezahlen, ausserdem sorgt er dafür, dass ich dort direkt zu seinen Eltern gebracht werde, die ein bisschen ausserhalb der Stadt wohnen.
Vandsh liegt ca. 370km von Dushanbe entfernt, die Strecke sollte in 9-12h machbar sein, im Jeep. In einer Marschrutka (Kleinbus) dauerts länger.
Von dort aus kann ich zu anderen Verwandten weiter ins Vandsh-Tal fahren/weiterfortbewegen, ich freue mich schon auf so richtiges pamirisches Familienleben und schöne Eindrücke der Natur dort.
Ich möchte am 1.Oktober wieder zurück in Dushanbe sein, weil da das Ende des Ramadans gefeiert wird, und ich von einigen Kollegen schon zum Besuch bei sich eingeladen wurde. An diesem Tag ist überall „open house“, jeder ist überall willkommen, und es wird natürlich im ganz grossen Stil zum finalen Fastenbrechen aufgekocht…

Mittwoch, 17. September 2008

Geburtstagsfeiern und Hiftor

Zu meinem Geburtstag habe ich Alexandra und Sam zu mir nachhause eingeladen. Wir haben einen separaten Tisch bekommen, weil wir an dem Abend Bier und dann ein klein wenig Vodka getrunken haben. Rustam hat mir erklärt, dass der Tisch der Familie, die ja alle die „Ruza“, das Fasten, einhalten, rituell rein - halal sein muss. Dafür habe ich natürlich Verständnis, und ich habe mich für die Toleranz bedankt, die sie uns entgegengebracht haben. Sam und ich haben mit ein wenig Mithilfe von Alexandra immerhin ein paar Biere und ein kleines Vodkafläschchen klargemacht… Alexandra hat mir sogar einen Apfelkuchen gebacken, sie weiss ja, wie gern ich Süsses habe. Danke!

Am Freitag haben wir uns abends nach der Arbeit bei meinem Chef Shavkat versammelt, was ich dort an Gastfreundschaft und Aufwand nur wegen meines Geburtstags erlebt habe, ist sehr schwer zu toppen. Wir waren zu neunt, inklusive Shavkat und seines Bruders, der nebenan wohnt und auch bei Babilon-T arbeitet. Weil wir im Büro ohne Frauen sind, vor allem aber weil Ramadan ist, waren wir Männer strikt unter uns. Alkohol hats auch nicht gegeben, weil das im heiligen Monat noch weniger gestattet ist als sonst. Der Tisch hat sich gebogen unter den vielen Speisen, und ständig hat Shavkat mehr und mehr nachgebracht, sodass die Teller schon übereinander gestapelt waren.
Die Frommen meiner Kollegen haben während des Essens zweimal gebetet, so richtig mit arabischem Singsang und auf dem Gebetsteppich nach Mekka niederbeugen. Die anderen Entspannteren haben währenddessen mit mir weitergegessen, es wurde nur etwas leiser gesprochen. Nach dem Essen hats noch ein kurzes gesungenes Abschlussgebet gegeben.
Der Vater der Familie hat mir dann auch noch ein schickes Hemd geschenkt, ich war tief bewegt wie zuvorkommend sie mich als Gast behandelt haben.
Am Heimweg haben mir zwei meiner entspannteren Kollegen erklärt, dass diejenigen, die öfter beten, nicht „bessere“ Muslims seien. Es bleibt jedem selbst überlassen, wie ernst man die religiösen Pflichten nimmt. Das Wichtigste ist, dass man ein guter Mensch ist, und sich nicht zuviel zu Schulden kommen lässt.
Insgesamt wars ein sehr schöner, lehrreicher und auch lustiger Abend. Ich habe die meisten Kollegen jetzt von ihrer privaten Seite kennengelernt, viel Neues über lokale Traditionen und Verhaltensweisen erfahren, und viel Gedankenaustausch über den Westen und Tajikistan mit meinen Kollegen gehabt.
Shavkats Mutter hat uns ganz kurz begrüsst, das gehört zur Höflichkeit, genauso wie der Vater, der ältere Bruder hat sich dann auch wirklich zu uns gesellt. Shavkats Frau haben wir aber gar nicht gesehen, sie ist ja nach der Hochzeit für 40 (glaube ich) Tage „unsichtbar“ für Fremde, auch das verlangt die Tradition.

Bilder vom Geburtstagsabend bei Shavkat

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Abschlussgebet - ich nur als Zuschauer


Gestern war „meine“ Administratoren-Abteilung und einige andere Babilon-T – Kollegen bei Muhammad zum/zur „Hiftor“ eingeladen. Dabei ist es üblich, ein Schaf zu schlachten, hier eben zu schächten. Hintergrund dieser Tradition ist, dass Muslims dazu verpflichtet sind, wenn möglich einen Teil ihres Einkommens Bedürftigen abzugeben. Diese Hiftor war früher die Gelegenheit während des Ramadans den ärmeren Nachbarn Fleisch zukommen zu lassen. Mittlerweile lädt man zu dieser Gelegenheit aber eher Freunde und Verwandte ein, im gestrigen Fall waren wir 20 Gäste in Muhammads winziger Wohnung. Mir wurde der Platz gleich neben dem Mulloh, dem Geistlichen, zugewiesen. Er arbeitet auch für Babilon-T, war letztens auch bei meinem Geburtstagsabend bei Shavkat dabei, ich kenne ihn also schon.
Mir wurde als Spezialgast mal wieder als erstem die Shurbo (Fleisch- und Gemüsesuppe) mit Schafsfleisch gereicht, mit dem Kommentar: „Das hat vor einer Stunde noch gelebt…“
Leider hat die Schächtung des Viehs schon stattgefunden, bevor die Gäste eingetroffen sind, mich hätte es schon interessiert, das mitanzusehen.
Kurz bevor wir die Suppe bekommen haben, haben 6-7 Eifrige mal wieder gebetet, die anderen 13-14 Leute haben zugeschaut und Nüsse geschmatzt.
Der Hauptgang war dann Leberstücke und Nieren in Zwiebel geröstet, zumindest war das auf meinem Teller. Alle zusammen haben wir mehr oder weniger das ganze Schaf verputzt.
Dann hat der Mulloh noch schnell das Abschlussgebet geleitet, und wir sind alle heimgegangen. Ich war da doch etwas überrascht, wie schnell alles vorbei war, interessant wars trotzdem wieder mal sehr.

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Dichtes Gedränge bei Muhammads Hiftor – In der Mitte ganz in hell gekleidet sitzt Ashraf, der mich zu seiner Familie nach Vantsh ins Pamirgebirge eingeladen hat

Gestern hat mich mein Chef gebeten, ihm mal kurz zu helfen, ohne zu sagen worum es geht. Wir sind in den 1.Stock des Babilon-T-Gebäudes hinuntergegangen, zum Büro des tajikischen Schriftstellerverbands. Früher war das ganze Gebäude in dessen Besitz, jetzt hat besetzen sie nur noch 2 oder 3 Büros dort. Im Büro des Schriftstellerpräsidenten sind zwei Urscheln aus Dänemark gesessen, Touristinnen und Schriftstellerinnen, wie sich herausgestellt hat, und haben eine Stunde lang Fragen über tajikische Autoren und Schriftstellerei gestellt. Übersetzer war ich…
Zu Beginn des Gesprächs hatte ich gar nicht richtig die Gelegenheit, mich vorzustellen. Die zwei Däninnen haben geglaubt, ich sei auch Schriftsteller. Als ich sie dann aufgeklärt habe, dass sie sich im Gebäude des grössten Internetproviders befinden, haben sie über die Symbolik der Situation lachen müssen: Internetprovider verschluckt Schriftstellerverband.

Letztens hat Uli noch einen ausführlichen Kommentar geschrieben, ein paar Fragen daraus möchte ich hier noch beantworten:
Ja, ich war im Süden, in Kulyab. Dort merkt man gleich, dass man nahe an Afghanistan ist, es ist eine sehr arme und archaische Gegend, auch sind die Menschen dort noch mehr auf Traditionen bedacht.
Auf dem Weg dorthin sind wir am Nurek-Stausee vorbeigekommen, haben dort aber leider nicht gebadet. Wenn sich das irgendwie ausgeht, möchte ich das noch nachholen. Das Gebiet dort ist zwar schon „strategisch wichtig“, aber kein Sperrgebiet (mehr). Wenn man dort als Ausländer aber irgendwo übernachten will, braucht man eine Genehmigung vom „Sicherheits“-Ministerium.
Letzte Woche haben wir vier Erdbeben gehabt, eine Premiere für mich… Aber ausser ein bisschen Gewackle ist nicht viel passiert. Die Leute hier waren eher überrascht, dass die Erde schon seit einem halben Jahr nicht mehr gebebt hat. Die Geschichte mit dem durch ein Erdbeben entstandenen Sarez-See kann ich bestätigen, und dass im Falle eines Bruchs dieses natürlichen Damms eine riesige Katastrophe passieren würde, leider auch. Der See ist ca. 500m tief, da würds also in der Hälfte der Fläche Tajikistans und bis nach Usbekistan echt krachen.
Im Pamir war ich noch nicht, ich sollte aber morgen meine GBAO-Permission bekommen, mit der ich als Ausländer dorthin fahren darf. Der Plan ist mal am 25.September, einen Tag nach Ende meines Praktikums für 5-6 Tage dorthin zu fahren.
Moralhüter wie im Iran gibt’s hier keine, am ehesten übernehmen die Älteren, vor allem die Frauen diese Funktion. Das ist ja auch ein weiteres Paradoxon, dass die Frauen am meisten unter der Gesellschaftsordnung hier zu leiden haben, aber gleichzeitig am aktivsten daran beteiligt sind, sie aufrecht zu erhalten. Es scheint aber wirklich so zu sein, dass der sowjetische Einfluss in Richtung einer Gleichberechtigung der Frau schon wieder verdrängt wurde.

Donnerstag, 11. September 2008

Kritik

Zum Anlass meines 29ers nehme ich mir die Narrenfreiheit heraus, ein bisschen klarer auszusprechen, was mir nicht so gefällt. Oder besser gesagt, laut über gewisse Missstände nachzudenken.
Religion ist hier ein grosses Thema, wie das wahrscheinlich in den meisten islamisch dominierten Ländern ist. Wenn Fremde in dieses Land kommen, kommt es auch zwangsläufig zu diesem Gesprächsthema, meist ja auch erwünschterweise.
Weil ich mich zu so einem komplexen Thema nicht mit zusammengepanschten Weisheiten äussern möchte, hier ein paar Anekdoten von Begegnungen und Gesprächen, die ich so in letzter Zeit hier hatte.
Nach dem Abendessen - momentan ja die einzige Mahlzeit, die ich mit der Gastfamilie zu mir nehme – sitzen wir noch auf dem „taptschan“ und plaudern. Letztes Mal mit Oma Roza und Nigora. Wir kommen auf Religion zu sprechen, und ich werde gefragt, was ich denn sei, dem Glauben nach. Ich erkläre, dass ich in einer katholisch angehauchten Umgebung aufgewachsen bin, aber jetzt Atheist bin. Ich habe so meine Schwierigkeiten mit Dogmen, und solange ich keinen Beweis sehe, glaube ich nicht daran. Auch wenn ich mich irren sollte, ich tu es einfach nicht. Gar nicht.
Die Oma war ein bisschen empört, was ich denn glaube, wer mich erschaffen hätte… (ich: „..na meine Eltern..“). Meine Bemerkung hat sie milde lächelnd überhört, sie hat nur gesagt, an Gottes Existenz zu zweifeln oder es gar zu hinterfragen, ist eine Sünde. Nigora hat dann gleich angeknüpft, dass ja im Koran, der die einzig unveränderte, und deswegen wahre (!), und absolute und einzige Wahrheit sei, etc… Da habe ich sie bremsen müssen, und ihr gesagt, dass es bei uns eine Sünde sei, sich über andere zu stellen und zu sagen, dass nur man selbst im Besitz der einzigen Wahrheit sei (vor allem, wenn man keinen einzigen Beweis dafür bringen kann – aber das darf man wiederum ja nicht…).
Wir sind dann so verblieben, am nächsten Morgen hat mich die Oma ein bisschen kühl angeblickt, und nach einiger Zeit gemeint: „Na, immer noch ohne Gott?“…

Onkel Sharif kommt manchmal auf mich zu, und fragt, „Philipp, Du willst etwas vom Islam erfahren?“ – wobei der erste Teil des Satzes wie ein Fragesatz betont wird, um dann zu einer Aufforderung zu verkommen. Es ist ja ganz nett, z.B. über jedes Detail der Existenz des Erzengels Gabriel zu erfahren, aber mich bewegen die Wundergeschichten eher weniger. Um das religiöse Grundgerüst eines Muslims auch nur ansatzweise ein bisschen besser zu verstehen, helfen diese Erzählungen natürlich schon.
Als er letztens gemeint hat, dass die Mumifizierung der Pharaonen ein Wunder sei, bin ich ein bisschen hellhöriger geworden. Er hat verneint, dass das Wissen der ägyptischen Priester über Chemie gereicht haben könnte, so etwas zu schaffen. Vielmehr haben die Pharaonen mit Allahs Hilfe… Da habe ich ihn brüsk stoppen müssen, weil er wild alles mögliche miteinander vermischt hat, zu der Zeit von Allah nicht mal der Ansatz von einer Vorstellung da war, die Pharaonen ausser sich selbst noch eine Reihe anderer Götter hatten… Kurz gesagt, der Koran hätte mal wieder rückwirkend und in die Zukunft ALLES erklärt, wäre unwiderlegbar etc. Bei sowas kann und will ich nicht mit. Ich habe ihm dann über verschiedene Formen der Mumifizierung erzählt, wie das in S-Amerika erreicht wurde, wie von Tibet bis Japan einige Mönche ohne irgendeine Behandlung mumifiziert erhalten geblieben sind (durch monatelanges Fasten und Meditieren bis zum Tod, die Leichen sind dann weiter ausgetrocknet und werden zum Teil seit 600 Jahren ausgestellt und angebetet…) bis zum luftg’söchten Pfarrer von St.Thomas am Blasenstein (OÖ), der in einem Glaskasten ausgestellt wird und wie der Ötzi ausschaut. Er hat dann irgendwelche weiteren Auslegungsversuche mit seinen religiösen Instrumenten unterlassen, alles andere wäre nur noch absurd geworden.
Bei uns kann man ohne weiteres sagen, dass die Bibel von Menschen vergangener Zeiten geschrieben wurde, laut Gläubigen eben „unter Gottes Anleitung“ oder so ähnlich. Dass die darin geschilderten Wunder von Jesus (hier „Isa“) durch nachträgliche Erzählungen aufgebauscht wurden, und er in Wahrheit wahrscheinlich jemand war, der den Menschen mit seinen ganz bestimmt nur irdischen Talenten weismachen konnte, Wunder vollbringen zu können, kann, ja darf man hier nicht sagen. Hier glaubt man eisern an die Wahrheit in diesen Büchern. Und wehe, man würde den frevlerischen Gedanken äussern, Mohammad oder jemand aus seiner Umgebung hätte den Koran geschrieben. Das ist das Buch Gottes, Punkt aus, Schluss! Toleranz gegenüber anderen Formen der Religiosität gibt man vor, um den Anstand gegenüber den Fremden zu wahren. Aber an eine Koexistenz von verschiedenen Auslegungen ist hier nicht zu denken, weil die einzige Wahrheit … haben ja nur sie hier.
Eine andere gottgewollte, aber eher den Traditionen hier anzukreidende Sache ist das Thema Frauen: Ein erst seit kurzem verheirateter Kollege wurde von einem anderen gefragt, was sich denn seit der Hochzeit für ihn so verändert hatte. Die trockene Antwort: in der Früh verabschiedet sich jemand, am Abend nach der Arbeit wird man von jemandem begrüsst, das Essen steht morgens und abends immer schon am Tisch bereit, und man hat jemanden zum „gemeinsamen Einschlafen“. Er hätte genauso gut (mit der gleichen Emotion) von einem neuen Haushaltsgerät erzählen können, das ihm den Alltag wesentlich erleichtert, aber definitiv nicht so wichtig ist, und auch leicht austauschbar wäre – bei Nichtgefallen wieder im Geschäft abzugeben… Die Kollegen rundherum haben jedenfalls genickt, oder sonstwie Zustimmung zu dieser Interpretation der Veränderung durch das Eheleben zugestimmt. Hart, traurig, hinterwäldlerisch – frauenmissachtend.

Niemand sollte jetzt aber glauben, dass ich hier in irgendeiner Weise schlecht behandelt werde, als Nichtzugehöriger in Dingen wie Religion oder sonstigen Aspekten des Lebens. Ich stelle eben gerne Fragen, um mehr zu erfahren. Vor allem lokale Traditionen erregen mein Interesse, und in diesem Punkt werte ich nie, ich höre es mir an, und erzähle dann gegebenenfalls, dass es bei uns vielleicht ähnlich oder eben ganz anders gehandhabt wird. In Fragen der Religion ist man hier vielleicht eher gewöhnt, dass der Ausländer sich alles anhört und lächelt. Ich erzähle aber nur MEINE Sicht der Dinge, und betone stets, dass das nicht unbedingt die absolute Wahrheit sein muss – das maße ich mir nicht an.
Man hat als Fremder aber so seine Schwierigkeiten, die Menschen hier zu verstehen, wie sie religiösen Dogmen ohne irgendein Hinterfragen oder Zweifeln folgen.
Den Rest macht der gottköniggleiche, unantastbare Präsident klar, der im Windschatten des Glaubens, ohne sich vorwärts zu bewegen, voransegelt. Den kann man privat kritisieren, eine öffentliche Unmutsäusserung wäre aber sicher recht ungesund.

noch 2 Foto, nicht im Zusammenhang mit der Kritik...

abendessna
Ein Abendessen - nicht im Bild ist Shurbo, eine Gemüsesuppe mit Fleisch

abschlussessna
Der iaeste-Abschlussabend, ausser Samuel und mir ist dann kein Ausländer über iaeste mehr da, Alexandra verlässt uns heute nacht...

Als ich diesen Beitrag gerade ins Blog stellen wollte, ist mein Chef Shavkat ins Büro gekommen, hat mir sehr blumig gratuliert, und mich 29x am Ohrwaschel gezogen - das bringt Glück!

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