Am 25.September bin ich gegen 11h in einem Lada Niva vom Jeep-Sammelplatz Richtung Vantsh aufgebrochen. Mit anderen Autos als mit Jeeps ist diese Strecke glatter Selbstmord. An Bord waren der Fahrer Bahreddin, drei Damen aus Vantsh, ein Mädchen und ein Bub, und ich. Ausserdem noch ca. 300kg an Fracht, somit waren wir typisch tajikisch “leicht” überladen.
Die Strecke Dushanbe – Vantsh ist etwa 370km lang, fuehrt unter anderem über einen 3500m hohen Pass, und etwa 80km entlang der afghanischen Grenze über eine Schotter-Fels-Schlagloch-Schluchten-Piste, die Ihresgleichen sucht.

Als Pass-Strasse getarnte Schotter-Fels-Schluchten-Piste
Der erste Teil der Fahrt war erwartet mühselig, unbequem, hart, ich bin aber als der “hohe” ausländische Gast und als Mann sowieso vorne gesessen. Die Damen und der Fahrer haben mich über Österreich ausgefragt, und wir hatten eine sehr nette Atmosphäre an Bord. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit hat Mascha, die älteste der Damen, mit einem weißen und einem schwarzen Faden die Helligkeit begutachtet, weil wenn die zwei nicht mehr zu unterscheiden sind, darf das Fasten gebrochen worden. Das war eine Premiere, weil sonst wird überall einfach die Uhrzeit als Maßstab genommen, ausserdem verschicken alle Mobiltelefon-Provider auf Wunsch SMS mit den Uhrzeiten des Fastenbruchs – Islam goes technology. Wir sind dann gleich bei einer der zahlreichen, äusserst einfachen Raststätten eingekehrt, das Einheitsgericht war Lamm-Shurbo, eine fettige Suppe.

An der Tankstelle...

...wird getankt

Die Raststaette auf ca. 2800m - tajikischer "Rosenberger"
Nach der Weiterfahrt hat der bis dahin sehr zuverlässige Jeep ein bisschen gemeckert, und dann, ja – erraten wo(!), 50m vor Erreichen der Passhöhe hat der Antrieb versagt. Zu sehen war nur, dass sich das rechte Hinterrad etwa 10cm aus der Verankerung nach aussen gelöst hat. Bahreddin und ich haben dann den Reifen samt Radaufhängung abmontiert und zerlegt, auf ca. 3500m bei windigen 2 Grad, zum Glück hatte ich meine Taschenlampe dabei! Wir haben das Problem mit dem kaputten Radlager in 1h Arbeit halbwegs beheben können, aber weil weiterhin Gefahr bestanden hat, dass sich das Hinterrad samt Antriebswelle löst, sind wir langsamer gefahren. Das Reparaturritual hat sich bis zum Ende der Fahrt 4x wiederholt.

Das Problem

Eine der Reparatur-Sessions
Wir haben dann nach und nach die Damen abgeliefert, da sie schon ein Stückchen vor Vantsh zuhause sind. Bahreddin wollte dann aber unbedingt vor Tagesanbruch noch essen, da er ja auch die “Ruza”, das Fasten einhält. Wir haben gegen 4.30h bei irgendeinem Haus um Einlass gebeten, haben im Gästeraum “Shirtschoj” (Tee gekocht mit Ziegenmilch, etwa Salz und geriebenen Nüssen – ein typisches pamirisches Frühstück) bekommen, dann wurde uns von den Frauen des Hauses ein Bett bereitet und wir haben bis 8h geschlafen. Ich war fast zu müde um über die widerspruchslose Gastfreundschaft dieser Familie mitten in der Nacht erstaunt zu sein.
Aus den erwarteten 9-12h Fahrt sind dann 18(!) geworden, mein Gastgeber Machmaddschon (der Vater meines Arbeitskollegen Ashraf, der mich eingeladen hatte) war natürlich in Sorge, wo ich denn so lange bleibe. Andererseits weiß man hier natürlich, dass die Strecke lang ist und immer Unvorhergesehenes passiert. Alle Jeeps haben ein Sammelsurium an Ersatzteilen dabei, im Krisenfall wird gegenseitig geholfen, wie es nur geht. Bahreddin war wirklich ein Held, wie er mit Improvisation und unzureichendster Ausrüstung das Problem mit dem kaputten Radlager behoben hat. Er hat mir nach der Ankunft gratuliert, dass ich die pamirische Mechaniker- und Schlosserlehre mit Auszeichnung bestanden hätte.
Am Vormittag bin ich dann bei Machmaddschon eingetroffen, er ist Chirurg im örtlichen Krankenhaus. Den ganzen Tag haben wir geplaudert, gegessen (er kennt sich mit Religion laut eigener Aussage nicht aus und fastet deswegen auch nicht), dann bin ich aber gegen 21h eingegangen. Die Ehepaar hat mir ihr Schlafzimmer überlassen, so will es die Tradition hier.

Machmaddschon, der Chirurg - so wird einem Gast sofort nach Betreten eines Hauses ein kleiner Snack gereicht.
Der Snack dient auch zum Ueberbruecken der Zeit, waehrend der die Frauen kochen
Gegen 5h früh ist dann der Jeep, den Machmaddschon organisiert hat, gekommen um mich weiter rauf ins Tal zu bringen. Der Fahrer ist ein Verwandter, deswegen durfte ich so wie bei allen weiteren Fahrten nur für den Sprit bezahlen, alles weitere war aus Gründen der Gastfreundschaft umsonst.
Wir wurden dort von Ali… empfangen, ein Onkel Ashrafs und Geologe. So wie etwa 70% der pamirischen Männer hält er das Fastengebot des Ramadans nicht ein. Der Grund hierfür liegt eher darin, dass in dieser Region harte körperliche Arbeit allgegenwärtig ist und mehr zählt als frommes muslimisches Verhalten, das fast als Luxus der Bessergestellten gesehen werden kann. Andererseits wird hier aber auch viel weniger (wahrnehmbar) gebetet als in Dushanbe. Der Grund liegt zum Teil auch darin, dass im Pamir meist Ismailiten leben.
Überhaupt ist die Einstellung der Menschen zu wichtigen Aspekten des Lebens eine andere. Der Aga Khan („Ogo-Chon“) wird hier fast wie ein Heiliger verehrt, der mit konkreten Hilfsaktionen trotz seines Schweizer Wohnsitzes viel näher an den Menschen dran ist als der tajikische Präsident, der zuletzt im Hubschrauber (also den Zustand der Strassen nicht kennend oder ignorierend) eingeflogen wurde und absurd unrealistische Hilfsversprechen abgeliefert hat. Bis auf einen Einzigen haben sich alle gegen ihn ausgesprochen, sogar über einige drastische Massnahmen laut nachgedacht.
Da Afghanistan in unmittelbarster Nähe liegt, habe ich natürlich auch das Gespräch auf dieses Thema gelenkt, es kommt aber auch so oft zur Sprache. Einige Gesprächsschnipsel:
…Der afghanische Staat, der nach Meinung Vieler gar nicht wirklich existiert, ist arm, die Bevölkerung ist „reich“. Das kommt daher, dass sie eben nicht nur Baumwolle und Nahrungsmittel anbauen und geschickte Händler sind…
…Man nimmt das Gesetz dort selbst in die Hand, die NATO-Mächte sind ausserhalb Kabuls nicht existent, von einer afghanischen Macht kann man aufgrund der verschiedenen Stämme und deren Interessen sowieso nicht sprechen…
…Zu Sowjetzeiten war die Grenze streng bewacht und absolut dicht, in den 90er Jahren konnte man aufgrund der hiesigen Bürgerkriegszustände und des dortigen völligen Fehlens einer Kontrolle frei die Grenze überschreiten. Jetzt hat man Bekannte unter den Grenzwachen und den Sicherheitsdiensten, die gegen Bakschisch oder ähnliches wegsehen… (Hier muss ich anmerken, dass ich während der Vorbeifahrt am 80km langen Grenzstück gerade mal 2 Patrouillen zu je 2 Burschen in Uniform mit leichten Maschinengewehren gesehen habe, zu Fuss unterwegs natürlich. Gegen eine Flasche Limonade schauen die im gebotenen Moment sicher auch gerne mal in eine andere Richtung…)
…Man kauft in Afghanistan ein Kilo Heroin um 200-300 Dollar, kommt im Ruderboot über den Grenzfluss Pjandsh, und verkauft die Ware in Dushanbe um bis zu 1500, man nimmt dann ein paar Kilo und tauscht die gleich gegen ein Auto ein. Der Preis eines Autos wird deswegen oft in Kilos angegeben…
…Jeder Vater, der Töchter hat, will Khorog (die nahegelegene Provinzhauptstadt auf tajikischer Seite) verlassen, weil durch die Anwesenheit ausländischer Soldaten auf Erholungsurlaub die Prostitution floriert…
Es war auch interessant eine andere Meinung der dortigen Einheimischen über das restliche Tajikistan zu hören. Meine Arbeitskollegen bei Babilon-T in Dushanbe waren ausser der paar, die im Pamir aufgewachsen sind, noch nie dort. Umgekehrt haben aber viele Pamiris zumindest einmal im Jahr gewisse Dinge in Dushanbe wie z.B. Behördengänge oder Verwandtenbesuche zu erledigen. Ich musste immer wieder nachfragen (an das bin ich hier schon gewöhnt), weil sie natürlich mehr daran interessiert waren, über Österreich und Europa zu erfahren, als über ihr Land zu sprechen.
Mit Ali und Machmaddschon (der Lehrer eines Dorfes ca. 40km tief im Vantsh-Tal gelegen) bin ich weiter hinauf ins „Obere“ Vantsh-Tal aufgebrochen, die letzten 4-5km nach Poy-Mazor (ca. 2000m Seehöhe) sind wir zu Fuss gegangen, vorher im Jeep über eine apokalyptische Strecke durch immer ärmere Dörfer gefahren.

Eine der "Bruecken" auf dem Weg zum Dorf Poy-Mazor
Poy-Mazor („Mazor“ bedeutet Grab auf tajik) ist ein heiliger Ort, weil dort ein Abkömmling des Propheten Mohammed begraben liegt und ist das letzte Dorf im Tal, seit etwa 5 Jahren nur noch zu Fuss erreichbar, seit die Strasse dorthin verschüttet wurde.

Im Dorfzentrum von Poy-Mazor

Opa Gul (Avzals Vater), hinter ihm schlaeft Lehrer Machmaddschon, Ali (der Geologe) und rechts unser Gastgeber Avzal.
Wir haben 10 Liter Benzin mitgenommen, um mit einem dortigen Auto weiter zum Gletscher fahren zu können. Obwohl das Dorf sichtlich sehr arm ist, wurden wir wie Fürsten empfangen, umso mehr weil ein Ausländer gekommen ist. Die Neuigkeit hat sich sichtlich sehr schnell verbreitet, meist sind Kinder zum Ausländerschauen gekommen sind. Mir wurde erzählt, dass ich der 4.Tourist dort bin, 1994 war ein Tscheche da, und vor 2 Jahren ein britisches Pärchen, das bei der gleichen Familie wie wir übernachtet hat. Da vor einigen Jahren aber ein kleines Wasserkraftwerkchen für das Dorf mit Sponsorgeldern einer Deutschen gebaut wurde, bin ich überzeugt, dass da schon ein paar mehr vorbeigekommen sein müssen.
In der Früh sind wir gegen 5h mit einem Lada Niva-Jeep die 12km zum Gletscher aufgebrochen, nach 1,5km ist aber der Keilriemen gerissen, wir (Ali, Machmaddschon, Avzal (der Gastgeber) und ich) sind dann zu Fuss die letzten 10km zum Gletscher gegangen, die auch nicht ohne waren. Der Bruder Avzals und Fahrer ist zu Fuss ins Dorf zurück, um einen Ersatz für den Keilriemen aufzutreiben, was gar nicht so leicht war. Wir hatten vereinbart, dass er uns irgendwie am frühen Nachmittag in Gletschernähe abholen sollte.
Nach 3h Fussmarsch, auf dem wir frischen Bärendung und Wolfsspuren entdeckt haben (die sind dort beide häufig) haben wir am Fedchenko-Gletscher eine halbe Stunde gerastet. Es ist der grösste Gletscher auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, etwa 21km lang.

Der Fedchenko-Gletscher
Ali hat als Geologe und „Regional-Experte“ wie ein Wasserfall voll Informationen gesprudelt.
Avzals Vater hat uns am Vorabend viel über seine langjährige Arbeit in den Quarzminen weiter oben im Tal erzählt. Dort wurde zu Sowjetzeiten bis auf knapp 5000m Seehöhe Quarz abgebaut, fast alle einheimischen Männer haben dort geschuftet. Gegen 250% höheren Lohn haben sie sich meist die Gesundheit ruiniert und sind mit 40-50 Jahren gestorben. Die Anlage wurde als „Lager“(russ.) bezeichnet, als Russlandkenner weiss ich, das bedeutet GULAG. Die meisten anderen Arbeiter dort waren Sträflinge, die man dort mehr oder weniger mit Absicht eingehen hat lassen. Nach dem Zerfall der UdSSR wurde die Arbeit aber unrentabel und eingestellt.
Der Hauptaugenmerk dort liegt aber auf der unberührten Natur, die Panoramen mit 5000ern rundherum sind beeindruckend. Der höchste Berg Tajikistans, der Pik Somoni – früher Pik Kommunismus (7495m), liegt in unmittelbarer Nähe, ist aber nur von den Gipfeln der umliegenden Berge zu sehen.
Auf dem Rückweg sind wir nach 5km auf den Jeep gestossen, er konnte wegen des wilden Geländes und einer fast komplett zerstörten Brücke nicht zu uns vorstossen. Nach einem verspäteten Mittagessen wieder zurück in Poy-Mazor sind wir wiederum zu Fuss zurück zur Strasse, wiederum haben wir den Fluss über Baumstammbrücken balancierend und ähnliches überquert.

Die letzte "Bruecke" vor dem Gletscher, dahinter ist die "Strasse" zu sehen
Im Dorf Wan-Wan, über dessen Namen wegen des chinesischen Klangs alle Einheimischen witzeln, hat uns wiederum ein Verwandter mit seinem russischen UAZ-Jeep erwartet. Vorher wurde wir aber von wiederum einem anderen Verwandten dieses ausufernden Clans zu einem zweiten Mittagessen eingeladen. Wieder mit vielen Fragen über Europa, Österreich (…nein, nicht Australien [auf Russisch „Avstrija“ und „Avstralija“, also verständlich] – ahja, Fussball-EM, alles klar, etc...). Wieder mit „Ausländer-Schauen“ der Nachbarn. Aber sehr nett, diese alles übertreffende Gastfreundschaft ist herzzerreissend, sie haben so wenig und geben so viel.
In den 3 Tagen im Vantsh-Tal bin ich in etwa stündlich gefragt, ob ich verheiratet bin – nein, aha, wie wärs mit einer Tajikin? Hmneindankevorerstnochnicht. Das nächste Mal muss ich dann aber unbedingt meine Frau mitbringen, weil es sei ja schon höchste Zeit zum Heiraten, etc…
Danach bin ich noch am Abend die ca.65km zurück nach Vantsh gebracht worden. Die Fahrt im Jeep hat „nur“ rekordverdächtige 2,5h gedauert, dementsprechend wurde mein Körper von Schlaglöchern, Felsbrocken, etc. geprügelt.
Machmaddschon, der Chirurg, hat mich schon erwartet, nach einer Nacht wiederum in ihrem besten Zimmer bin ich am Vormittag wiederum mit einem Jeep Richtung Dushanbe aufgebrochen. Die Rückfahrt hat nur 14h gedauert, interessant war vor allem die Grenzstrasse zu Afghanistan, die ich diesmal bei Tageslicht gesehen habe. Die übrigen Passagiere, zwei Männer und eine Frau, waren alle noch nicht in Afghanistan, und hatten fast ein kindisches Interessebeim Blick hinüber auf den dort verlaufenden Eselpfad: „Schau, ein Afghane!... Jetzt zwei, und eine Frau!... Jetzt zwei, einer am Esel! Mach ein Foto!...“ Interessant war es, zu sehen, wie sehr die Häuser sich in ihrer Einfachheit von denen des „reichen“ Tajikistan unterscheiden, und wie schmal an manchen Stellen und vollkommen unbewacht der Grenzfluss ist.
Immer wieder sieht man Panzerwracks, und zahlreiche Schilder, die vor Minen warnen neben der Strasse. Das sind Überreste aus dem Bürgerkrieg in den 90ern, der in dieser Region sehr heftig war.
Nach meiner Rückkehr nach Dushanbe habe ich meinen Arbeitskollegen, speziell Ashraf, von meinen Erlebnissen im Pamir berichtet.
Samuel, der Engländer, hat mein Lächeln bemerkt, und gemeint, dass mein Trip dorthin trotz aller Strapazen und der Zustände dort grossartig gewesen sein muss. Ich konnte nur zustimmen und weiter lächeln.
e9950734 - 1. Okt, 00:07